Schicksale
Zwischen Einsamkeit und Hoffnung
Diese Galerie erzählt von Menschen am Rand des Sichtbaren – von Leben, die von Verlust, Einsamkeit, Schmerz und Verantwortung geprägt sind. Es sind keine Geschichten über Ausnahmezustände. Es sind Geschichten über Menschen, die trotz allem weiterleben.
Ein alter Mann sitzt auf einer Schaukel, umgeben von Hühnern. Jahrzehntelang hat er sich sein eigenes Alleinsein gebaut: keine Frau, kaum Freunde, ein Sohn, den er erst spät kennenlernte. Nun, am Ende seines Lebens, fürchtet er die Einsamkeit mehr als den Tod. Die Hühner sind geblieben.
Ivan aus Paryshiv hält das Foto seiner verstorbenen Frau Anouschka in den Händen. Nach Tschernobyl musste die Familie gehen, seine Söhne kamen nicht zurück. Seit zwei Jahren ist auch seine Frau tot. Trotzdem räumt er weiter auf – sorgfältig, fast trotzig. Denn bei Anouschka war es nie so schmutzig.
In Kupovate leben zwei Schwestern, 85 und 81 Jahre alt. 1986 wurden sie evakuiert, zwei Jahre später kehrten sie zurück. Die ältere Schwester pflegt Soija, die behindert ist. Ihre Fürsorge ist bedingungslos – und zugleich von einer schmerzhaften Angst begleitet: Was geschieht mit Soija, wenn sie selbst nicht mehr da ist?
Kateryna, vor 78 Jahren in Kiew geboren, erlebt Armut und Scham. Ihre Pension reicht nicht mehr zum Leben. Neben dem Lavra-Kloster bittet sie um Geld und versucht, den Blick der Touristen auszuhalten. Am meisten fürchtet sie, dass ihre eigenen Kinder sie dort sehen könnten.
Ein anderer Mann hat sich eine Welt aus Stofftieren geschaffen. In seinem Kinderzimmer wird die Realität für einen Moment kleiner. Zwischen Plüschtieren lebt Peter Pan weiter – ein Ort, an dem er sich geschützt fühlt und gleichzeitig die Frage stellt, ob andere Menschen dieselbe Angst kennen wie er.
Petra Sousan lebt mit chronischen Schmerzen. Tablettenpackungen erzählen von Opiaten, Abhängigkeit, Entzug und Psychose. Doch zwischen Schmerz und Krankheit bleibt Raum für Humor, für ihr Hündchen, für Kunst, Psychotherapie und den Versuch, ihrem Alltag wieder Struktur zu geben.
Und da ist eine Frau, deren Körper von Schnüren gehalten wird, während sie ihr Gesicht mit den Händen verbirgt. Ihre Geschichte steht für ein Leben ohne festen Boden, ohne Wurzeln, ohne Bremse. Gefühle und Realität treffen mit einer Intensität aufeinander, die von tiefer Lebensfreude bis zur Selbstzerstörung reichen kann.
Diese Galerie urteilt nicht. Sie schaut hin.
Sie zeigt keine Helden und keine Opfer, sondern Menschen in ihrer Verletzlichkeit. Menschen, die etwas verloren haben, die zu viel tragen, die sich schützen, verstecken oder an etwas festhalten. Manche haben fast nichts mehr – und halten dennoch an einem Foto, einem Stofftier, einem Tier, einem Ritual oder einem kleinen Stück Würde fest.
Vielleicht liegt genau darin die Verbindung zwischen diesen Bildern: die Sehnsucht, gesehen zu werden, ohne sich erklären zu müssen.
Denn hinter jeder Geschichte steht dieselbe stille Frage:
Wie viel kann ein Mensch allein tragen – und was bleibt, wenn niemand mehr da ist?